von Prof. Dr. Klaus Müller-Wille
Folgt man Benjamins eigenen Aussagen, dann hatte er zu den Texten Hans Christian Andersens ein zwiespältiges Verhältnis. So gibt er in einem Brief zu verstehen, dass der dänische Autor ihm Lust mache, „das Wesen der Sentimentalität zu ergründen“ (Brief an Ernst Schoen vom 31. Juli 1918). An gleicher Stelle allerdings bemerkt er, „dass der guten Sachen [...] sehr wenige im Vergleich mit dem perversesten Zeug“ bei Andersen seien. Auch in seinem Aufsatz Aussicht ins Kinderbuch (1926), der eine lange Analyse zu einer Leseszene im Märchen Die wilden Schwäne enthält, äußert sich Benjamin despektierlich über die „niedliche und unscharfe“ Schreibweise Andersens.
Angesichts der Tatsache, dass Benjamin in seinen eigenen Ausführungen über das kindliche Lesen immer wieder auf Metaphern aus Andersens Märchen zurückgreift, fragt man sich allerdings, ob es bei diesen plakativen Abwehrgesten nicht eher darum geht, den Einfluss des durchaus scharf denkenden Dänen zu verschleiern.
Zugang zum vollständig digitalisiertem Buch erfolgt unter diesem Link.Klaus Müller Wille ist Professor am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Die Objekterzählung entstand im Rahmen der Ausstellung "ein/aus gepackt: Kinderbuchsammlung Benjamin" (Oktober 2022-Februar 2023), in der ausgewählte Bücher der Sammlung aus unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Perspektiven kommentiert wurden.